Die efa in der Region Niederrhein: Interview Henning H. Sittel
Seit 2014 unterstützt die efa Unternehmen aus den Städten Krefeld und Mönchengladbach sowie den Kreisen Kleve, Neuss, Viersen und Wesel direkt vor Ort bei Fragen rund um die Themen Ressourcenschonung und zirkuläres Wirtschaften. Wir haben mit Henning H. Sittel, Projektkoordinator und Berater der efa für die Region Niederrhein, über konkrete Erfolge und Chancen aber auch Herausforderungen in der Region gesprochen.
Die einzelnen Regionen Nordrhein-Westfalens unterscheiden sich teilweise stark in ihren wirtschaftlichen Schwerpunkten. Welche Branchen sind besonders stark in der Region Niederrhein vertreten?
„Die Wirtschaft am Niederrhein ist stark durch einen Mix aus Industrie, Agrobusiness, Logistik und Dienstleistungen geprägt. Wichtige Branchen sind die chemische Industrie, der Maschinenbau, der Gartenbau (Agrobusiness), Logistikunternehmen im Umfeld von Duisburg sowie der Tourismus. Die Region zeichnet sich durch eine Mischung aus Urbanität und starker landwirtschaftlicher Prägung aus, wobei im Raum Mönchengladbach traditionell die Textilindustrie dominiert und das Rheinische Revier vom anhaltenden Strukturwandel geprägt ist. Überregional stark ist zudem die gesamte Wertschöpfungskette des Ernährungsgewerbes. Und nicht zuletzt die Grenznähe zur Niederlande begünstigt die hohe Exportquote der Region.“
Ein wichtiger Innovationsmotor in der Region sind die Hochschule Niederrhein und die Hochschule Rhein-Waal, die eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Welche Möglichkeiten ergeben sich aus dieser engen Kooperation für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen? Und wie unterstützt die efa diesen Austausch?
„Die Bildungslandschaft am Niederrhein wird primär durch die Hochschule Niederrhein mit den Standorten in Krefeld und Mönchengladbach und die international ausgerichtete Hochschule Rhein-Waal mit den Standorten in Kleve und Kamp-Lintfort geprägt. Die Region ist insbesondere in den Bereichen MINT, Logistik und Textiltechnologie stark aufgestellt.
Die Effizienz-Agentur NRW (efa) fungiert am Niederrhein mit dem Regionalbüro in Kempen (Kreis Viersen) als Schnittstelle für Ressourcenschonung, indem sie Unternehmen bei der Projektanbahnung mit Hochschulen unterstützt, Förderberatung anbietet und den Wissenstransfer in die Praxis fördert. Sie begleitet Betriebe von der ersten Idee bis zur technischen Umsetzung ressourcenschonender Innovationen.“
Wie schaffen es Unternehmen, Innovationen und nachhaltiges Denken zu fördern und fest in der Unternehmensstruktur zu verankern?
„Unternehmen müssen das Thema der Nachhaltigkeit in all seinen Facetten als integraler Bestandteil aller Geschäftsprozesse betrachten. Erst dann kann Schritt für Schritt eine Verankerung in allen Unternehmensbereichen erfolgen. Ganz Praktisch gezeigt, würde ich hier einen 10-Punkte-Fahrplan mit die Hand geben:
| 1. Vereinbarung der Geschäftsführung: Verankerung von Nachhaltigkeit in der offiziellen Unternehmensstrategie und im Leitbild. | 6. Funktionsübergreifende Teams: Bildung von spezifischen Arbeitsgruppen aus verschiedenen Abteilungen (IT, Marketing, Produktion etc.), um Silos aufzubrechen und Innovationen zu fördern. |
| 2. Wesentlichkeitsanalyse: Identifikation der Bereiche, in denen das Unternehmen den größten Hebel für Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft/Soziales hat. | 7. Fehler- und Lernkultur: Etablierung von „sicheren Räumens“ für Pilotprojekte, bei denen Scheitern als Teil des Innovationsprozesses akzeptiert wird. |
| 3. Unternehmensführung & Verantwortlichkeit: Schaffung von Kapazitäten oder eines Teams das direkt an den Vorstand berichtet. | 8. Anreize und Ansporn der Belegschaft: Klare Zielsetzung für alle Mitarbeitenden im Unternehmen und Kopplung der Gehälter an das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele. |
| 4. Erreichbare-Ziele: Definition messbarer Kennzahlen (z. B. CO2-Reduktion um X% bis 2030), die gleichwertig wie Finanzziele behandelt werden. | 9. Befähigung der Belegschaft: Gezielte Qualifizierung, um die individuelle Nachhaltigkeitskompetenz aller Mitarbeitenden zu stärken. |
| 5. Prozessintegration: Nachhaltigkeitskriterien werden zur Pflicht bei Optimierungs-maßnahmen und Investitionsentscheidungen, in allen Unternehmensbereichen (Vom Einkauf über die Produktentwicklung und Produktion bis zur Vermarktung). | 10. Radikale Transparenz: Offene Berichterstattung nach innen und außen, um Glaubwürdigkeit zu sichern und Fortschritte und Zielerreichung zu prüfen. |
Unternehmen verankern Innovation und Nachhaltigkeit erfolgreich, wenn sie diese konsequent in Strategie, Kultur, Strukturen und Anreizsysteme integrieren – und wenn Führungskräfte und Mitarbeitende gemeinsam Verantwortung für eine zukunftsfähige Entwicklung übernehmen. Weil das leichter gesagt als getan ist, setzen wir als efa bei der Umsetzungsuntersützung direkt an: individuelle Analyse, Wokshops mit Beartungsansätzen und der Perspektive einen Fahrplan und Anpack für die eigene Fragestellung zu haben. Neben dem persönlichen Austausch hilft es Unternehmen aber auch immer wieder zu schauen ‘wie haben es andere gemacht’, um über den Tellerrand zu schauen und Orientierung zu bekommen; hier bieten freien Zugang zu unseren efa-Praxibeispielen aus verschiedenen Branchen."
Welchen wirtschaftlichen Herausforderungen müssen sich die Unternehmen in der Region aktuell stellen und wie unterstützt die efa dabei?
„Die Wirtschaft am Niederrhein befindet sich in einer Rezession, geprägt von Deindustrialisierung durch hohe Energiepreise, einem akuten Fachkräftemangel und sanierungsbedürftiger Infrastruktur. Der vorgezogene Kohleausstieg sowie ein Investitionsstau aufgrund von Bürokratie und Unsicherheiten verstärken den Transformationsdruck auf die Unternehmen.
Wir als efa setzen genau an den Schmerzpunkten Energiekosten, Ressourcenknappheit und Transformationsdruck an. So helfen wir Unternehmen am Niederrhein konkret:
Kostensenkung durch Ressourceneffizienz: Durch die Beratungsangebote identifiziert die efa Verschwendung in der Produktion. Weniger Material- und Energieverbrauch senken direkt die Betriebskosten und steigern die Wettbewerbsfähigkeit.
Fördermittel-Management: Die efa fungiert als Wegweiser durch den Förderdschungel. Sie hilft dabei, staatliche Zuschüsse für Investitionen in moderne, effiziente Anlagen zu sichern, was das finanzielle Risiko für Unternehmen mindert.
Bewältigung des Strukturwandels: Mit Methoden wie Circular Design unterstützt sie Betriebe dabei, ihre Geschäftsmodelle auf Kreislaufwirtschaft umzustellen. Das macht unabhängig von schwankenden Rohstoffmärkten und bereitet auf strengere EU-Regularien gezielt vor.
CO2-Bilanzierung: Die efa bietet Tools (z. B. Ecocockpit, Verpackungsmatrix), mit denen Unternehmen ihre Aktivitäten transparent und messbar machen können. Dies ist essenziell, um Anforderungen von Kunden und Banken (ESG-Reporting) zu erfüllen.
Netzwerkbildung: Über die Regionalbüros (z. B. Kempen) vernetzt sie Unternehmen mit Hochschulen und Spezialisten, um innovative Lösungen zu finden und z.B. hinsichtlich des Fachkräftemangels durch effizientere, automatisierte Prozesse Lösungsansätze zu schaffen und diese möglichst bis in die Umsetzung zu begleiten.
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