Verpackungen nachhaltig bewerten: Chancen und Herausforderungen der PPWR – Interview mit Henning H. Sittel
Herr Sittel, warum beschäftigt sich die efa intensiv mit dem Thema Verpackungen?
Wir beraten und unterstützen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen in Nordrhein-Westfalen – und praktisch jeder Betrieb hat mit Verpackungen zu tun. Deshalb beschäftigen wir uns auch mit Themen wie Zirkularität, Transformation und Ressourceneffizienz. Am Ende geht es immer um die Fragen: Wie können Unternehmen Kosten sparen, Prozesse optimieren und gleichzeitig Ressourcen schonen? Verpackungen bieten hier einen großen Hebel und können der Einstieg in das zirkuläre Wirtschaften sein
Wie erleben Sie aktuell die Diskussion rund um die PPWR?
Die Reaktionen der Unternehmen sind sehr unterschiedlich. Manche sehen vor allem zusätzlichen Aufwand. Ich plädiere aber für einen pragmatischen Umgang mit den neuen Anforderungen. Es geht nicht darum, Regelungen grundsätzlich infrage zu stellen, sondern zu erkennen, welche Chancen darin für das eigene Unternehmen stecken.
Viele Betriebe geraten aktuell unter Druck, weil Themen wie Konformität und technische Dokumentation auf sie zukommen. Wichtig ist jetzt, sich zunächst auf die Punkte zu konzentrieren, die bereits feststehen, und die eigenen Daten und Verpackungsstrukturen besser zu erfassen.
Welche Rolle spielen Daten und KI dabei?
KI kann Unternehmen künftig stark unterstützen – allerdings nur dann, wenn die zugrunde liegenden Daten sauber strukturiert sind. Genau daran fehlt es in vielen Unternehmen oft noch. Es gibt inzwischen erste interessante Lösungen, die durch digitale Systeme und KI die Anforderungen der PPWR strukturieren und bei der Abfrage von Daten unterstützen. Entscheidend bleibt, dass Unternehmen im ersten Schritt Transparenz über die eingesetzten Materialien, den Fertigungsprozess und bei der Verpackungsvielfalt schaffen. Nur so lassen sich die wesentlichen Daten ermitteln, sinnvoll analysieren und für die Anforderungen der PPWR nutzen.
Viele Unternehmen achten bei Verpackungen vor allem auf die Kosten. Greift das zu kurz?
Häufig wird nur auf kurzfristige Preisvorteile geschaut. Dabei reicht Recyclingfähigkeit allein nicht aus. Entscheidend ist auch, ob Recycling in der Praxis funktioniert und wie gut Verpackungen tatsächlich in Kreisläufe zurückgeführt werden können. Auch ist es wichtig, dies gegenüber Kundinnen und Kunden verständlich zu kommunizieren.
Gerade im Lebensmittelbereich braucht es zudem funktionale Anforderungen wie Barrieren zum Produktschutz. Deshalb ist nicht automatisch jede papierbasierte Lösung immer nachhaltiger. Zudem sollten Unternehmen genauer hinschauen und Aussagen zu „grünen“ Verpackungen kritisch prüfen. Dies bedingt auch die ab 27. September 2026 geltende EmpCo-Richtlinie.
Beobachten Sie bestimmte Entwicklungen bei Verpackungsmaterialien?
Insbesondere Monomaterialien gewinnen wieder an Bedeutung. Viele Unternehmen erkennen, dass es nicht nur um den CO₂-Fußabdruck geht, sondern im Sinne des zirkulären Wirtschaftens um Ressourcenschonung, Recyclingfähigkeit sowie Sortier- und Trennbarkeit von Verbundmaterialien insgesamt.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Es gibt keine pauschale Lösung. Papier kann nicht alles ersetzen, genauso wenig wie Kunststoff grundsätzlich schlecht ist. Entscheidend ist immer der konkrete Anwendungsfall und die Anforderungen, die an das Packmittel gestellt werden.
Was raten Sie Unternehmen im Umgang mit den neuen Anforderungen?
Unternehmen sollten zunächst Transparenz über die eingesetzten Verpackungen und Materialien schaffen. Verpackungen sind oftmals “einfach notwendig” und werden meistens nicht hinterfragt. Durch die PPWR bietet sich die Chance, Klarheit zu schaffen und sich bei der Materialwahl neben den Kosten auch auf die Kommunikation zu den verwendeten Packmitteln (z.B. Mono- oder Verbundmaterialien) zu fokussieren.
Wichtig ist deshalb, die benötigten Informationen systematisch zusammenzutragen und gut strukturiert zu erfassen. Kernfragen sind hierbei:
- Welche Materialien werden eingesetzt und werden diese auch zwingend benötigt (Vielfalt)?
- Welche PPWR-Anforderungen gelten konkret für die eingesetzten Materialien?
- Welche Daten müssen für die DoC verfügbar sein?
Wer frühzeitig beginnt, ist nicht nur deutlich besser vorbereitet, sondern viel schlauer als vorher.
Warum wird die technische Dokumentation immer wichtiger?
Eine reine Konformitätserklärung (DoC) reicht nicht aus. Entscheidend ist die technische Dokumentation dahinter. Wenn Nachweise fehlen oder nur unvollständig vorhanden sind, entsteht schnell ein Problem – insbesondere für Hersteller und Inverkehrbringer von Verpackungen.
Warum tun sich viele Unternehmen so schwer mit Veränderungen?
Häufig spielen bestehende Routinen und die Sorge vor höheren Kosten eine große Rolle. Gleichzeitig sehen wir aber, dass nachhaltigere Lösungen nicht zwangsläufig teurer sein müssen. Oft ergeben sich durch geringeren Materialeinsatz, effizientere Prozesse oder bessere Kreislaufführung sogar wirtschaftliche Vorteile. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Unternehmen ein gutes Datenmanagement haben.
Welche Rolle spielen Mitarbeitende und die Unternehmenskultur dabei?
Eine sehr große Rolle. Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn diese im Unternehmen strategisch verankert ist. Mitarbeitende müssen von Beginn an mitgenommen und Veränderungen glaubwürdig umgesetzt werden. Das Wissensmanagement wird dabei immer bedeutender. In vielen Unternehmen geht Know-how verloren – etwa durch demografische Veränderungen oder fehlende Dokumentation oder nicht stattfindende Wissensweitergabe von erfahrenen Mitarbeitenden an neue Mitarbeitende. Das ist bereits heute eine zentrale Herausforderung, um die Zukunftsfähigkeit in den Unternehmen zu stärken.
Bei diesen komplexen Herausforderungen stellt sich die Frage wie die efa-Verpackungsmatrix hier unterstützen kann?
Die efa-Verpackungsmatrix ist ein Tool zum Vergleich zweier Verpackungslösungen. Diese werden anhand von rund 50 Indikatoren in den fünf Schwerpunktbereichen Umweltwirkungen, Zirkularität, Produktschutz, Auswirkungen auf Produktionsprozesse und Kommunikation analysiert.
Dadurch lassen sich unterschiedliche Packmittel für spezifische Anwendungsfälle vergleichen. Unabhängig, ob es sich um eine Primär-, Sekundär-oder Tertiärverpackung handelt. Unternehmen erhalten so eine fundierte Grundlage, um Verpackungsentscheidungen nachvollziehbar zu treffen und – auch mit Blick auf die ab 12. August 2026 geltende PPWR – zu dokumentieren.
Wie können Unternehmen die efa-Verpackungsmatrix nutzen?
Aktuell wird die efa-Verpackungsmatrix als Online-Tool kostenfrei angeboten. Die Anwendung erfolgt immer kontextbezogen gemeinsammit efa-Expertinnen und -Experten. Sie ist sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch bundesweit einsetzbar.
Herr Sittel, vielen Dank für das Gespräch.
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