Kategorie: News  |  11. Juli 2025

Ressourceneffizientes Bauen – Interview mit Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner

Ressourcenschonung, Zirkularität und regulatorische Vorgaben – das Bauwesen steht vor großen Herausforderungen, aber auch Chancen. Wie ressourceneffizientes Bauen konkret gelingen kann, untersucht Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner mit ihrer Arbeitsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2014 widmet sie sich dort unter anderem der Entwicklung kreislauffähiger Bauweisen, der Ökobilanzierung von Gebäuden sowie dem Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen. Im Gespräch mit der efa ordnet sie aktuelle Entwicklungen wie die EU-Taxonomie, ESG-Kriterien und CO₂-Bepreisung ein – und zeigt, warum Ressourceneffizienz ein zentraler Schlüssel für zukunftsfähiges Bauen ist.
Ein Porträt einer Frau mittleren Alters mit grauen Haaren, die in einem schwarzen Blazer gekleidet ist. Sie blickt direkt in die Kamera und lächelt leicht. Im Hintergrund sind Regale mit Ordnern und Dokumenten zu sehen. © Roberto Schirdewahn
Frau Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner baute 2014 die Arbeitsgruppe "Ressourceneffizientes Bauen" an der Ruhr-Universität Bochum auf und leitet sie seither.

Frau Prof. Hafner, Ressourceneffizienz und Zirkularität sind zentrale Themen Ihrer Forschung. Welche konkreten Ansätze sehen Sie aktuell, um Kreislauffähigkeit im Bauwesen praxisnah umzusetzen – insbesondere im Bestand?

Im Bauwesen gewinnt die Kreislauffähigkeit zunehmend an Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund von Ressourcenknappheit, Klimaschutz und dem Ziel, den CO₂-Fußabdruck von Gebäuden zu senken. 

Im Bestand – also bei bestehenden Gebäuden – ergeben sich besondere Herausforderungen, aber auch Chancen. Bestand abreißen und dann an gleicher Stelle neu bauen ist aus Sicht einer Lebenszyklusbetrachtung und der „Währung CO₂“ meistens nicht die bevorzugte Lösung, sondern es ist besser, den Bestand zu ertüchtigen und zukunftsfähig zu machen. 

Im Gebäudebestand lässt sich Kreislaufwirtschaft damit vor allem durch Erhalt und Um- bzw. Weiterbau von Gebäuden sowie gezielte Wiederverwendung von Bauteilen und Material realisieren. 

Mit der EU-Taxonomie und ESG-Kriterien kommen neue Anforderungen auf die Bauwirtschaft zu. Wie bewerten Sie deren Einfluss auf die Planung und Umsetzung ressourceneffizienter Bauprojekte?

Fragestellungen zu ökologischen Themen werden an Bedeutung gewinnen und vermehrt über quantitative Benchmarks abgefragt und beurteilt werden. 

Mit der EU-Taxonomie und den ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) werden einheitliche Nachhaltigkeitsstandards geschaffen. Dies verändert die Rahmenbedingungen in der Bauwirtschaft grundlegend. Ein erster Schritt hat in Deutschland z.B. durch die KfW-Förderung Klimafreundlicher Neubau (KFN) stattgefunden. Hier wir eine Benchmark für ein Gebäude für die Nutzung der über den gesamten Lebenszyklus in CO₂ vorgegeben. 

Somit haben die Kriterien zunehmend größeren Einfluss auf Planung, Finanzierung und Umsetzung von Bauprojekten. Dabei sind die EU-Taxonomie und ESG-Kriterien sind nicht nur regulatorische Hürden, sondern auch Treiber für Innovation im ressourceneffizienten Bauen. Z.B. führen sie zu einer systematischeren, langfristigeren Planung und begünstigen Bauprojekte, die ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltig sind. 

Die CO₂-Bepreisung wird künftig auch im Gebäudebereich spürbare wirtschaftliche Auswirkungen haben. Welche Rolle spielt die Lebenszyklusanalyse dabei – und wie kann sie zu fundierten Entscheidungen beitragen?

In dem Kontext der CO₂-Bepreisung spielt die Lebenszyklusanalyse eine zentrale Rolle, weil sie dabei hilft, die gesamten Umweltauswirkungen eines Gebäudes über dessen Lebensdauer hinweg – von der Herstellung der Materialien über den Betrieb bis hin zum Rückbau – transparent und messbar zu machen (z.B. in CO₂-Emissionen siehe Frage 2).

Hier kann dann einerseits optimiert werden, dass in der aktuellen Herstellungs- oder Sanierungsphase möglichst Konstruktionen und technische Anlagen eingesetzt werden, die auf ihren CO₂-Ausstoß optimiert sind und gleichzeitig kann der Betrieb optimiert werden. Sowohl Energieeffizienzmaßnahmen, als auch Maßnahmen, die auf eine Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit der Konstruktionen einzahlen sind hier zu optimieren. Dieses Vorgehen hilft, die Reduktionsziele nicht immer weiter in die Zukunft zu verschieben.

Die Lebenszyklusanalyse kann dadurch zu entscheidenden Planungsinstrument werden, um wirtschaftlich vorausschauende Entscheidungen im Gebäudebereich zu treffen und CO₂ wird die Währung sein.

Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz werden zunehmend auch unter finanzwirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Was bedeutet Sustainable Finance für die Baubranche?

Sustainable Finance bezeichnet alle finanziellen Aktivitäten – Investitionen, Kredite, Versicherungen –, die ökologische, soziale und ethische Kriterien (ESG) in die Entscheidungsprozesse einbeziehen. Für die Baubranche ist ein Wandel zu Sustainable Finance deshalb relevant, da sie kapitalintensiv ist und einen großen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft hat.

Sustainable Finance ist ein Hebel, um die Bauwirtschaft auf nachhaltige und ressourceneffiziente Konzepte auszurichten. Denn wer ESG-konform plant, baut und berichtet, hat künftig einen besseren Zugang zu Kapital und damit langfristig stabilere Geschäftsgrundlagen.

Frau Prof. Hafner, vielen Dank für das Gespräch.

Sustainable Finance

Ansprechpartnerin