Kategorie: News  |  06. Mai 2026

Die Bedeutung des Handels für den Erfolg einer zirkulären Wirtschaft: Interview mit Dr. Nicole Freiberger und Jessika Kunsleben

Scharnier. Impulsgeber. Moderator. Der Handel übernimmt Schlüsselrollen, wenn es darum geht, Zirkularität voranzubringen, und er kann diese aktiv steuern. Genau deshalb rückte die efa das Thema „Handel & Konsum“ stärker in den Fokus ihrer Aktivitäten zur Ressourcenschonung. Aber was macht den Handel mit seiner Rollendiversität zu einem so entscheidenden Hebel zwischen produzierenden Unternehmen und Verbrauchern – und das sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich? Darüber sprechen wir mit den efa-Themenexpertinnen Dr. Nicole Freiberger und Jessika Kunsleben.
Eine Person hält eine geräumige Stofftasche mit umweltfreundlichem Design. Darauf sind Symbole abgebildet, die Einkauf, Recycling und nachhaltigen Konsum darstellen. Die Farben sind grün und blau, was auf ein umweltbewusstes Thema hinweist. Die Person trägt eine lässige Kleidung. © Unsplash/Mediamodifier/efa
Der Handel kann vielfältige Rollen einnehmen, die bei der Zirkularität unterstützen und lenken können.

Was ist eigentlich nachhaltiger Handel?

Dr. Freiberger: Nachhaltiger Handel bedeutet, wirtschaftliches Handeln konsequent mit ökologischer Verantwortung zu verbinden: Über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. Handel kann zum Beispiel ganz viel für zirkuläres Wirtschaften bewirken und seine Stärken einsetzen. Es geht nicht um Symbolpolitik im Regal, sondern um strukturelle Entscheidungen in Beschaffung, Logistik und Sortimentsgestaltung. Der Handel hat dabei eine Wirkungsmacht, die kaum ein anderer Akteur in der Wirtschaft hat. Kurz gesagt: nachhaltiger und zirkulärer Handel bedeutet, fair, umweltbewusst und zukunftsorientiert zu wirtschaften – und das Ganze zum Vorteil von Mensch, Natur und Wirtschaft. Das geht über reinen Profit hinaus und berücksichtigt die gesamte Lieferkette.

Warum ist Zirkularität für den Handel so wichtig?

Kunsleben: Weil der Handel eine systemische Schlüsselposition in der Volkswirtschaft einnimmt. Er steuert Warenströme, setzt Lieferantenstandards und beeinflusst Produktionsbedingungen weltweit. Wer als Handelsunternehmen Nachhaltigkeitskriterien in die Beschaffung integriert, erzeugt Hebelwirkungen entlang der gesamten Lieferkette, die kein einzelner Produzent alleine erreichen kann. Als Übersetzer, Antreiber, Vermittler und Mitgestalter trägt er zu Umwelt- und Klimaschutz, verbesserten Lebensbedingungen weltweit, globaler Gerechtigkeit und bewusstem Konsum bei. Und er stellt den Lückenschluss zwischen Unternehmen und Konsumenten dar.

Wie verändert sich das Rollenbild des Handels, wenn man über Circular Economy redet?

Kunsleben: Der Handel war lange primär Distributor – Ware rein, Ware raus. In der Circular Economy wird er zum aktiven Systemgestalter: Er übernimmt Verantwortung für Rückführung, Wiederverwendung und Kreislaufschließung, koordiniert Rücknahmelogistik und schafft neue Geschäftsmodelle rund um Reparatur, Refurbishment und Ressourcenrückgewinnung. Er ist die entscheidende Schnittstelle zwischen den anderen Akteuren in den Wertschöpfungsketten.  – und nutzt damit eine Wirkungsmacht, die strukturell in seiner Position angelegt ist, bisher aber zu selten von ihm bewusst eingesetzt wurde.

Wie beeinflussen sich Handel und Produktion zukünftig anders, wenn das Thema Zirkularität die Wirtschaft immer mehr verändert?

Dr. Freiberger: Durch die Gestaltung von Beschaffungsprozessen, Lagerhaltung, Vertrieb und Entsorgung können Handelsunternehmen wesentlich dazu beitragen, den gesamten Lebenszyklus von Produkten nachhaltiger zu gestalten. Zudem haben sie direkten Einfluss auf die Kaufentscheidungen der Verbraucherinnen und Verbraucher und können durch ihre Angebotspalette und Transparenz des Sortiments den nachhaltigen Konsum fördern. Wenn man es genau betrachtet, hatte der Handel schon immer nicht nur die Aufgabe Waren zu verschieben – die zirkuläre Partnerschaft zwischen Handel und Produktion wird die hier bereits bestehende Vernetzung weiter ausbauen, verstärken und multidirektionaler gestalten.

Kunsleben: Zu den Hebelwirkungen kommt dann noch die regulatorische Realität, die Unternehmen und auch der Handel trotz aller Verschiebungen ebenso im Blick halten müssen: vom Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz über EU-Taxonomie, CSRD usw. – Nachhaltigkeit wird zur Pflicht werden.

Wie beeinflussen sich Handel und Konsum gegenseitig?

Kunsleben: Der Handel steht an der Schnittstelle zwischen Produktion und Konsum – also Herstellern und Verbrauchern – und genau das macht seine Wirkungsmacht aus. Durch die Gestaltung von Beschaffung, Lagerhaltung, Vertrieb und Entsorgung prägt er den gesamten Produktlebenszyklus. Wer Sortiment und Transparenz strategisch einsetzt, lenkt Kaufentscheidungen aktiv in eine nachhaltigere Richtung. Hat also durchaus auch die “Aufgabe” oder zumindest die Möglichkeit der Verständnisvermittlung zwischen Produktion/Produkt und Verbraucher. Der Verbraucher wendet sich ja in vielen Fällen mit seinen Fragestellungen nicht unbedingt an den Hersteller eines Produkts, sondern an den Verkäufer. Im Idealfall fließt das hier generierte Wissen dann weiter an den Hersteller und schlussendlich mit Anpassungen dann auch wieder in die andere Richtung. Ein wichtiges Wechselspiel für die Gestaltung von zirkulären Wirtschaftssystemen.

Welche Rolle spielen KI-Anwendungen bei der Datenverwaltung und bei der Prozesssteuerung im Handel bzw. zwischen Handel und Produzenten?

Kunsleben: KI ermöglicht präzisere Bedarfsprognosen, intelligenteres Lieferkettenmanagement und automatisierte Qualitätssicherung – direkt an der Schnittstelle zwischen Handel und Produzenten. Entscheidend ist dabei: Eine belastbare, saubere Datenbasis ist die Grundvoraussetzung. Wer das beherrscht, kann seine Wirkungsmacht als Handelsunternehmen deutlich gezielter und effizienter einsetzen. Hinzu kommt die Perspektive auf die vor- und nachgelagerten Verhaltensweisen von Kosument:innen: Käufer fordern bei Händlern Transparenz, Flexibilität und Schnelligkeit bei den Handelsunternehmen ein. So agil wie Händler selbst agieren wollen, verlangen es Käufer und Käuferinnen ebenso. In Zeiten von Chatbots und ähnlichen Anwendungen ist der Kaufentscheidungsprozess nicht zu vernachlässigen. Bei Entscheidungen werden nicht mehr nur klassische Kanäle gewählt, sondern die Platzierungen in KI-Suchmaschinen sind die Begleiter von Käufern.

Wie schafft der Handel Vertrauen über Transparenz? 

Dr. Freiberger: Als Intermediär verschiebt der Handel nicht nur ungeheure Warenmengen, sondern auch die dazugehörigen Datenmengen. Als “Zwischenhändler” diese Daten- und Materialströme zu steuern, zu lenken und in einem Wirtschaftsnetz transparent verfügbar zu halten, ist eine enorme Herausforderung. Eine wichtige Aufgabe – vielleicht zukünftig auch eine Kernaufgabe – die der Handel aufgreifen und mitgestalten kann. Transparenz ist hier ein Schlüsselwort. Die Komplexität der Steuerung dieser Transport- und Datenflüsse ist heute schon eine hochmathematische Herausforderung – in zirkulären Systemen umso mehr, da hier ohne Transparenz die ggf. hochvernetzten Abläufe nicht funktionieren können. Hier schließt sich der Kreis zur Bedeutung von KI als Unterstützungssystem.

"48% der Befragten ist es wichtig, dass Handel und Hersteller klare Positionen zu Nachhaltigkeitsthemen beziehen.”

Das Bild zeigt den Schriftzug "ECC KÖLN" in auffälliger, roter Schrift auf weißem Hintergrund. Es handelt sich um ein Logo oder eine Markenbezeichnung.

Ergebnis einer ECC KÖLN Umfrage

Krisenresilienz & Fachkräftemangel: Was bedeutet das für den Handel?

Dr. Freiberger: Für den Handel bedeutet Krisenresilienz: nicht nur reaktionsfähig sein, sondern strukturell widerstandsfähig werden. Das heißt konkret – diversifizierte Lieferketten, digitale Prozesssteuerung, adaptive Organisationsmodelle. Der Handel hat die Wirkungsmacht, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern als Innovationstreiber zu nutzen. Das gestalten wir bei der efa gemeinsam mit den Unternehmen im praktischen Angang mit individuellen Workshops- und Beratungsmöglichkeiten. Die Herausforderungen diese Krisenresilienz nicht nur herzustellen, sondern auch auf Dauer zu sichern braucht vor allem auch das entsprechend ausgebildete Fachpersonal.

Kunsleben: All die Eigenschaften und Themen, die den Handel zu einem Vermittler, Promoter, Moderator von Zirkularität machen, die ihn zu einem Träger von Wirtschaftsnetzwerken machen, sind auch die Themen, die für Handelsfachkräfte – zunehmend/wieder – wichtig werden und den Beruf interessant machen. Wie gesagt, es geht in zirkulären Systemen eben nicht nur um das Verschieben von Waren. Allerdings hat der Handel dieselben Herausforderungen Fachkräfte – oder überhaupt - Mitarbeiter zu finden, wie viele andere Branchen auch. Diese Herausforderung ist sicher auch eines der Themen, die mit in die “Rollentransformation” im Handel einbezogen werden muss / wird. Mit den Zukunftsthemen – die eigentlich schon Gegenwartsthemen sind – hat der Handel eine Chance seine Attraktivität als Arbeitgeber ganz handfest zu steigern – Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Zirkularität sind ganz reelle Wirtschaftsthemen und zukunftsrelevant.
 

Ansprechpersonen

Wir sind für Sie da

Dr. Nicole Freiberger
Dr. Nicole Freiberger
Beratung & Projektkoordination | Region Rheinland
+49 203 378 79 326
+49 173 273 89 21
nfr@efa.nrw
Jessika Kunsleben
Jessika Kunsleben
Beratung & Projektkoordination
+49 203 378 79 327
jek@efa.nrw